|
[...]
Auf
die Redenschreiber und die Werbetexter schauen wir natürlich
gerne
herab, vor
allem aus den höheren Etagen des Feuilletons. Aber es
führt kein Weg an
der
bitteren Wahrheit vorbei, dass das Feuilleton selber eine
Bullshit-Hochburg
ist, und zwar nicht nur wenn es über Gentechnik und Abendland,
Leitkultur und
Verfassungspatriotismus, den Kanon und die Erziehungslücke
debattiert.
Auch die
Literaturkritik hat große Potenziale, so etwa, wenn eine
Kritikerin
Kafkas
Schreiben in hohem Ton als "Gehäuse aus Schmerz" preist und
von "seiner
ureigenen Scham, ein Mensch zu sein", schwärmt. Bullshit ist,
wie
dieses
Beispiel zeigt, dem Kitsch verwandt, geht aber nicht darin auf. Man
muss
Bullshit nämlich als eine Handlung und Haltung begreifen, und
man
kommt, so
meint Harry Frankfurt, seinem Geheimnis am nächsten, wenn man
ihn mit
der Lüge
vergleicht.
Der
Lügner ist im Gegensatz zum Bullshitter durch einen Bezug zur
Wahrheit
gekennzeichnet. Es ist unmöglich, über einen
Sachverhalt zu lügen, wenn
man
nicht überzeugt ist, die Wahrheit darüber zu wissen.
Bullshit zu
produzieren
erfordert keine solche Überzeugung. Der Lügner steht
in Bezug zur
Wahrheit, die
er in gewisser Weise respektiert, indem er sie verdreht,
verhüllt,
verzerrt,
verschweigt. Der Bullshitter ist weder auf der Seite des Wahren noch
auf der
Seite des Falschen.
Fakten
interessieren den Bullshitter nur insofern, als sie seinem Interesse
zweckdienlich sein können, mit dem durchzukommen, was er uns
über sich
- seine
moralische Überlegenheit, seinen Patriotismus, seine
Religiosität,
seine tiefen
Gefühle, seine Empörung - mitteilen will. Es ist ihm
gleichgültig, ob
die
Dinge, die er sagt, die Realität korrekt beschreiben. Er pickt
sie
heraus oder
erfindet sie so, dass sie seinem Ziel dienen. "Es ist", schreibt
Frankfurt resümierend, "dieser mangelnde Bezug zur Wahrheit -
die
Indifferenz gegenüber der Frage, wie die Dinge wirklich liegen
- die
ich als
das Wesen von Bullshit verstehe."
Daraus
folgt zwingend, dass "Bullshit ein größerer Feind
der Wahrheit ist als
die
Lüge".
Jörg
Lau in "Die Zeit", 2001
|
|