Bullshit

Einer der hervorstechendsten Züge unserer Kultur sei es, sagt der Moralphilosoph Harry G. Frankfurt, dass es "so viel Bullshit" gebe. Der englische Terminus ist zwar schwer zu übersetzen - weder "Bockmist" noch "Scheißdreck", noch einfach "Mist" treffen ganz genau den Sachverhalt. Aber niemand wird ernsthaft bezweifeln wollen, dass Frankfurts Diagnose sich von den amerikanischen Verhältnissen, auf die sie gemünzt ist, auch auf die hiesige Kultur übertragen lässt. Unsere öffentliche Sphäre ist voll von einer bestimmten Sorte prätentiösen Humbugs, den wir zunehmend nur noch durch Rückgriff auf den kraftvollen Begriff aus der englischen Sprache bezeichnen und bannen können.

Es hilft nichts, sich mit großer kulturkritischer Geste davon zu distanzieren. "Jeder von uns", sagt Frankfurt, "trägt seinen Teil dazu bei. Aber wir neigen dazu, die Situation achselzuckend hinzunehmen. Die meisten Leute sind ziemlich zuversichtlich, dass sie Bullshit zu erkennen vermögen und vermeiden können, von ihm vereinnahmt zu werden. Als Folge davon haben wir kein klares Verständnis davon, was Bullshit ist, warum es so viel davon gibt oder welchem Zweck er dient." Wir brauchen darum dringend, sagt Frankfurt, eine Theorie des Bullshits.

Einen Moralphilosophen kann es nämlich nicht kalt lassen, wenn eine bestimmte Sorte unwahrer Rede zu einem so penetranten Phänomen wird. "Unwahre Rede" - damit ist allerdings nicht viel gesagt. Bullshit ist weder einfach falsch im Sinne von fehlerhaft und schlampig, noch handelt es sich dabei einfach um lügenhafte Aussagen. Es gibt, wie Frankfurt zeigt, sehr wohl so etwas wie "sorgfältig gearbeiteten Bullshit": "Die Welten der Werbung und Public Relations sowie das heute eng benachbarte Reich der Politik sind übervoll mit Augenblicken ungemilderten Bullshits, die zu den unstreitigen und klassischen Paradigmen dieses Begriffs zählen können. Dort gibt es außergewöhnlich geschickte Handwerker, die sich unermüdlich der Aufgabe widmen, jedes Wort und jedes Bild genau richtig hinzubekommen."